Vom Umgang mit Gefühlen…

…und Wespen…

 

Ich war erst vor kurzem bei einem Meditations Retreat, fernab von aller Hektik, schweigend, zur Ruhe und Stille kommend… und dabei ist mir folgendes aufgefallen:

Die Art, wie wir mit Wespen umgehen, könnte ein Spiegel dafür sein, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen.

Wie komme ich darauf?

Als ich am Retreat-Ort ankam „besuchten“ mich direkt die Wespen aus der Umgebung.

Sie flogen sehr gezielt und direkt auf mich und vor allem auf meinen Kopf zu! „Hilfe! Angst und Panik!“

Geplagt von der Erinnerung einer mal da gewesenen, sehr heftigen Reaktion auf den Stich einer Erdwespe, die aus versehen in mein Hosenbein geflogen war und mich am Unterschenkel gestochen hatte, versuchte ich diesem „Angriff“ zu entkommen. Ich atmete schneller, drehte mich weg, machte seltsame schrille Geräusche, doch bis auf die Tatsache, dass nur ich langsam die Orientierung verloren hatte, passierte nichts. Die Wespe surrte weiterhin fleißig um mich herum und „verfolgte“ mich…

Irgendwann hatte sie dann wohl genug von dem Tanz und flog davon.

Später am Esstisch: ähnliche Situation. Gut nur, dass es beim Essen ebenso die Auflage ist ruhig und still zu sein… so sprang ich nicht auf, fuchtelte nicht herum und wimmerte auch nicht mehr… zumindest nicht so laut…

Ich spürte, wie sich bei der Annäherung der Wespe an meinen süßen Hafer-Frühstücksbrei all meine Muskeln anspannten, mein Atem schneller ging, die Panik-Reaktion in mir wieder startete, bis zur völligen Erstarrung, bis die Wespe wieder von Dannen zog.

Puh – geschafft! Ich habe den „Angriff“ überlebt!

Hm… ???

Irgendwann im Zendo, dem Ort an dem man in der Regel 25-35 Minuten völlig regungslos und still in der Meditation sitzt, mit einem ruhigen Atem, den Fokus auf das Jetzt, den Blick leicht gesenkt vor sich auf den Boden… irgendwann dann, hörte ich sie kommen…. *surrrrrr*

In meinem Kopf überschlug es sich: „Ja, was mach ich denn jetzt? Was mache ich wenn die Wespe auf mich zu kommt, sich irgendwo in meinem Gewand oder in meinen Haaren verheddert und plötzlich aus eigener Überlebensangst-Panik wieder zusticht… und ich – keine Ahnung wie stark – auf den Stich reagiere, vom Kissen falle weil ich keine Luft mehr bekomme…???!!!“

Meine Gedanken gingen weiter: „Hm… und, wenn ich einfach, weiterhin ganz still sitzen bleibe? Also so richtig still, so richtig durch und durch achtsam und mich und die Wespe beobachte in dem ich spüre oder höre, wo sie gerade ist und fühle und wahrnehme, was alles dabei in mir passiert? Das müsste doch eigentlich gehen? Denn stechen tun sie doch nur, wenn sie plötzlich selbst Todesangst haben… und wenn ich mich wirklich so gar nicht bewege, dann sollte ich sie auch nicht versehentlich einquetschen oder so was…“

Einen Versuch war es wert.

Einfach ganz still sitzen bleiben und lauschen.

Gesagt getan. Die Wespe war deutlich zu hören… und ich erwartete sie ganz achtsam… und… sie kam gar nicht zu mir… „So ein misst, jetzt kann ich gar nicht testen, was ich mir ausgedacht habe!“ (Wie schnell sich so Gedanken doch ändern können. 🙂 )

Dafür konnte ich andere im Kreis sehen, zu denen sie flog, denn ihre Bewegungen waren auch in meinem äußeren Sichtfeld, außerhalb meines Fokuspunktes noch gut für mich wahrnehmbar. Fuchteln, wegpusten, wegdrehen… der ein oder andere blieb auch einfach sitzen, regungslos und es passierte: Nichts.

„OK, dann wenn schon nicht auf dem Meditationskissen, vielleicht hab ich mit meinem Test beim nächsten Essen mehr Glück.“ Ja, hatte ich.

Eine Wespe kam, wollte sich an meiner Currysuppe und dem Salat zu schaffen machen, surrte dazu einmal um meine Hand mit dem Löffel drum herum und inspizierte alles. „Ok, jetzt einfach sitzen und stillhalten und beobachten, lauschen – was passiert, was kann ich sehen, was kann ich wahrnehmen?!“ Offen und neugierig… und angespannt… und mit einer weniger hohen Atemfrequenz wie sonst und mit weit weniger Panik als sonst, denn nun war ich neugierig!

Ich konnte schließlich sehr oft üben auf dem Retreat. Auf dem Kissen bei der Meditation, im Essenssaal, im Garten… überall gaben mir die Wespen die Möglichkeit zu üben besonders achstam und still zu sein.

Und dann hatte ich plötzlich Zeit für die Beobachtung der Anderen.

Vor allem beim Essen. Da wurde wie wild gepustet, gefuchtelt… ärger stand den Menschen auf dem Gesicht oder Panik… und ich fragte mich in der meditativen Stille, die ich schließlich in mir gefunden hatte:

Ist die Art, wie wir mit den „unliebsamen“ Wespen umgehen ein Spiegel dafür, wie wir mit „unliebsamen“ Gefühlen oder Situationen umgehen?

Ich drösle meine Gedanken hierzu mal auf:

  • wir haben vielleicht mal eine schlimme Erfahrung damit gemacht
  • wir haben vielleicht mal sehr unangenehme Schmerzen dadurch erfahren
  • wir haben von niemandem gezeigt bekommen, wie wir entspannt damit umgehen können
  • wir wissen nicht, wann es „zusticht“
  • wir können ihm/ihr nicht in die Augen blicken
  • das Beste wäre, man wäre die Plagegeister los
  • wenn ich sie wegpuste oder wegschlage… dann sollen sich doch andere darum kümmern
  • wenn ich mich wegdrehe, davon laufe… vielleicht lässt es mich dann in Ruhe…
  • wenn sie im Schwarm kommen, weiß ich gar nicht mehr, wo ich hinsehen soll, auf was ich zu erst achten soll…
  • wenn es zu laut ist (z.B. in der Stadt) kann ich überhaupt nicht mehr hören, wo sie sich (wo ich mich) gerade befinden (befinde), wo ich in Gefahr sein könnte…
  • sie stürzen sich auf alles, was sie irgendwie nährt…
  • sie verursachen möglicherweise starke Schmerzen, wenn sie nicht gesehen und bedrängt oder gar getötet (komplett unterdrückt) werden
  • … Liste beliebig zu ergänzen. 🙂 Für Gefühle und Wespen!

Und die andere Seite, bei der achtsamen, lauschenden Beobachtung:

  • sie zeigen sich aufgeweckt, erfinderisch, geschickt
  • sie reinigen und pflegen sich fast unentwegt (schon mal beobachtet wie großartig akribisch so eine Wespe ihre Fühler säubert, nachdem sie das Marmeladenbrot inspiziert hat?)
  • sie versuchen mit aller Macht am Leben zu bleiben
  • sie machen sich lautstark bemerkbar, sie kündigen sich also sogar freundlicher Weise vorher an!
  • sie sorgen dafür, dass wir am Leben bleiben (siehe für Wespen dazu auch den Text auf bento: http://www.bento.de/nachhaltigkeit/wespen-warum-sie-es-nicht-verdient-haben-das-hassobjekt-des-sommers-zu-sein-2741915/)
  • sie kommunizieren miteinander
  • … und auch hier ist „sie“ beliebigt durch Wespe, Gefühl, Situation auszutauschen

 

Ich möchte also folgendes vorschlagen/postulieren:

Wenn wir es schaffen achtsam und behutsam mit Ruhe und Neugierde die weiteren Begegnungen mit Wespen in diesem, schon wieder bald endenden Sommer zu erleben, so glaube ich auch daran, dass wir lernen werden anders mit unseren Gefühlen und vielleicht unliebsamen Situationen umzugehen.

Ist es möglich einfach nur ganz still zu lauschen, der Wespe, dem Gefühl, der Situation?

…ohne zu bewerten, ohne voller Panik in den Angriffs- oder Fluchtmodus zu wechseln?

…einfach nur zu lauschen: neugierig, still und voller Ruhe beobachtend?

…ich gebe Euch einen kleinen Tipp:

Ja, es ist möglich… wenn auch nicht immer zu 100%, doch möglich ist es immer…

Nur die Entscheidung liegt ganz allein bei Dir.

…und oft ist es Verdeckt unter starken Mustern, Überzeugungen und anderem mehr.

 

Viel Freude beim Erleben!

Mit lieben, bunten Sommergrüßen…

Eure Susanne