Just Stay

Bleib da wo du bist, mit dem was ist.

Ich erkenne immer mehr, dass es uns oft daran fehlt, wahrzunehmen was ist und stattdessen krampfhaft sehen zu wollen, was wir erwarten…

Und wird die Erwartung nicht erfüllt, so gestehen wir uns das nicht mal ein und sind dennoch sauer oder zumindest sehr unzufrieden darüber.

Lässt sich das ändern und woher kommt es?

 

Die Erwartung ist nichts weiter als die gewünschte Erfüllung eines Konzeptes.

Wir haben in unserem Leben verschiedene Begriffe gelernt…  wie z.B. Leben, Arbeiten, Freizeit, Lieben, Hassen, Reichtum, Erfolg, Beziehung, Freundschaft (diese Liste kann beliebig fortgeführt werden)…

Jeder Begriff beinhaltet ein Konzept, eine Art Agenda, was sich hinter dem jeweiligen Wort verbirgt, welche Eigenschaften zu erkennen sein müssen, damit der Begriff nutzbar wird.

Stellt Euch vor, dass jedes meiner Worte, die hier stehen, eine Extra-Erklärungsliste beinhaltet, auf der genau steht, was es sein muss, was sich dahinter verbirgt.

Vermutlich wird für jeden, der das hier liest, diese Liste mit leicht anderen Erklärungen je Wort gefüllt sein, je nach dem, woher er die Informationen gesammelt hat, wieviel eigene Erfahrung und Färbung seiner Mitmenschen er der Erklärung hinzufügt…

Doch vermutlich wird sich die eigene Wahrnehmung zu einem Wort bei niemandem erklären lassen. Was ist Leben ohne das jetzt bekannte Konzept von Leben für Dich? Was ist Arbeiten ohne diese bestehenden Konzepte? Wie sieht eine Beziehung aus, bzw. wie fühlt sich eine Beziehung an, ohne die gelernten Erwartungen und Konzepte zum Wort Beziehung?

Natürlich ist es für die zwischenmenschliche Kommunikation total wichtig, dass wir Worte definiert haben, dass bestimmte Eigenschaften festgelegt sind und doch vermisse ich, wie wir lernen mit mehr Wahrnehmung damit umzugehen.

Eine Möglichkeit den eigenen Konzepten auf die Schliche zu kommen, könnt Ihr mit der folgenden Übung ausprobieren:

 

Was passiert, wenn ich meine Konzepte benenne und einfach mit der Wahrnehmung darüber in Kontakt bleibe? – Eine Übung

Stell Dir vor, Du hast ein Konzept, z.B. von „Arbeiten“.

Erstelle hierzu eine Liste, in dem Du Dir für ein paar Minuten (2-5) immer wieder den Satzanfang sagst:

„Es ist nur Arbeit, wenn…“ und dann alle spontanen Antworten, die Dir einfallen ohne zu überlegen, hintereinander aufschreibst.

Da können Dopplungen dabei sein oder auch ganz komische und zumindest rein logisch gar nicht passende Satzfortführungen entstehen. Es geht dabei nicht um richtig oder falsch, es geht um das, was sich zu dem Begriff in Deinem Kopf herum tummelt, was Dein Unterbewusstsein antreibt…

Wenn Du die so spontan erstellte Liste im Nachhinein durchliest, wird sie Gefühle in Dir hervorrufen. Vermutlich welche, die Dich anziehen und auch welche, die dich abstoßen.

Die eher abstoßenden Konzept-Elemente werden vermutlich mit einem Gefühl von „ich müsste doch…“ verbunden sein. Die eher anziehenden Elemente können ein Gefühl von „ich darf…“ beinhalten.

Im Beispiel von gerade könnte der Satz vielleicht so fortgeführt werden:

„Es ist nur Arbeit, wenn … ich damit Geld verdiene.“

Dies erzeugt bei mir ein „ich müsste doch, mit meiner Arbeit Geld verdienen

Aha! – Wie fühlt es sich für Dich an, Geld zu verdienen?

Gut, nützlich, schön, erfüllend – oder eher – nervig, anstrengend, unzureichend, lästig?

Es geht in diesem Beispiel nicht darum, die Frage zu klären, wie man ohne Geld leben kann, es geht darum die Wahrnehmung zum Konzept von Arbeit zu erforschen. Und sehr wahrscheinlich, wird sich Dein Gefühl zum Konzept (Geld verdienen) auch im Begriff (Arbeit) selbst wiederfinden lassen. Also wenn Du hier z.B. merkst, dass für Dich Geld verdienen nützlich ist, so wird wahrscheinlich auch das Arbeiten nützlich für Dich. Ist es jedoch lästig und Du wünschst es Dir anders, so wird wohl auch die Arbeit lästig sein und Du Dir was anderes wünschen.

Bitte frage Dich selbst: Ist das so? Was erkenne ich für Muster in meinen Satzfortführungen? (Meine Idee muss bei Dir ja nicht stimmen.)

Was auch immer jetzt an Zuwendung oder Abneigung aufgetaucht ist – nun bleib genau damit in Kontakt!

Aha – Du findest Arbeit nützlich.

Aha – Du findest Arbeit lästig.

Mehr nicht! NICHT die Antwort ändern wollen! NICHT das Gefühl ändern wollen!

Also KEIN: „aber ich müsste es doch anders …“

Sondern ein: Aha – so ist das!

Und dann die Spannung spüren, entweder das „bitte mehr davon“ oder das „bitte weniger davon“ als ein Dehnen in eine bestimmte Richtung wahrnehmen. Und diese Dehnung halten – wie beim Dehnen von Muskeln. Auch dort verändert man ja nicht sofort die Position, sobald man in die Dehnung geht. Im Normalfall sucht man den Punkt, an dem die Dehnung gut spürbar und aushaltbar ist, so dass sich mit der Übungszeit die Beweglichkeit erweitert.

 

Durch Nicht-Handeln und Aushalten beweglicher werden?!

Das ist doch spannend, oder?

Ich suche und spüre die Spannung und bleibe dann einfach damit in einem spürbaren und nicht übermäßig schmerzhaften Bereich… und werde im Endeffekt mit diesem Aushalten immer beweglicher.

Ich postuliere: Was bei Muskeln geht, geht auch bei Gefühlen.

Also daher: Just Stay – bleibe stehen und bewege Dich im Moment der Spannung nicht weiter. Verändere nichts. Und wenn Du gerade in einer nicht vermeidbaren Bewegung (z.B. auch gedanklich oder fühlend) bist, dann erkenne, dass Du Dich gerade nicht gut Dehnen kannst. Das ist dann keine Übungszeit.

Die Beweglichkeit im Sport wird meist in Situationen geübt, die ohne zusätzliche Belastung stattfinden (optimale Bedingungen), damit ich dann einen größeren Spielraum in einer Belastungssituation erhalte.

 

Darum dient die Idee des unterbewussten Brainstormings als Konzept-Dehnungs-Übung.

  • Mach Dir eine Liste zu je einem Begriff, mit denen Du gerade viel zu tun hast.
  • Schreibe ein mal „Es ist nur >Begriff<, wenn…“auf ein DIN A4 Blatt
  • und dann sage diesen Satzanfang immer wieder laut
  • und schreibe den zweiten Satzteil, der Dir spontan einfällt, als Liste untereinander „… >Antwort<“ auf das Blatt
  • Nimm dir für das Brainstorming pro Begriff 2-5 Minuten Zeit
  • Lies Dir im Anschluss die Liste durch
  • Notiere, ob die Antwort für Dich eher anziehend oder eher abstoßend ist
  • Übe die Spannung in Deiner Wahrnehmung zu suchen und zu halten
  • „Dehne Dich“ ohne Dich weiter zu bewegen und etwas anders haben zu wollen
  • Halte die Spannung nur so weit aus, wie es  für Dich ohne große Schmerzen funktioniert
  • Wiederhole die Übung regelmäßig und beobachte, ob Du eine größere Beweglichkeit zum Begriff und dessen Konzept wahrnehmen kannst
  • Nutze auch immer wieder Begriffe, von denen Du meinst bereits alles zu wissen
  • Teile mir gern Deine Erfahrungen mit. 🙂
  • Hab Freude beim Erforschen

 

Just stay with it – bleib einfach damit was ist…

…und freue Dich, genau dies Wahrnehmen zu dürfen.

 

Ausgedehnte Grüße an meine lieben Leser!

Susanne

Stau

hm… jetzt hab ich so schön flüssig mit diesem Blog gestartet… dann war ich im Retreat, hatte einen Haufen voll Schreib-Ideen… doch irgendwie ist Stau in meinem Kopf… und seit einiger Zeit kommt nix mehr hier an…

 

Nicht, dass ich nicht schreiben will, doch teilweise fühlt es sich an, wie das so genannte „Bottle neck“ … ein Flaschenhals, der zu eng ist, um all das, was gesagt werden will, ans Tageslicht zu befördern.

Hunderte Gedanken drängen sich ans Tageslicht, doch niemand kommt durch, weil alle zur gleichen Zeit „Hier!“ brüllen.

 

Wo kennt Ihr das noch, was passiert Euch, wo plötzlich so viel davon da ist, dass doch nichts passiert?!

 

Ein anderes wunderschönes Beispiel ist Aufräumen… man guckt in die Wohnung und denkt sich: „Oh ja, ich könnte mal wieder aufräumen…“ und noch während man überlegt, wo man denn nun starten will, setzt man sich doch lieber wieder mit einem Kaffee an den Tisch und plant noch etwas… bevor das große Aufräumkomando loslegen kann… und dann herrscht da wieder Gedankenstau… weil alles gleichzeitig gesehen und erledigt werden will…

 

Irgendwann hatte ich mal den Gedanken beim Autofahren… was ist, wenn es auf der Straße eng wird, z.B. durch eine Baustelle oder eine anderweitig unübersichtliche Stelle? Was tun wir dann normalerweise?

Richtig, langsamer werden, damit wir wieder einen Überblick bekommen. Nur wenige (aus meiner Sicht Irre oder sehr von der Umwelt getrennte) Menschen rasen durch solche Hindernisse hindurch.

Doch meist geht man auf die Bremse oder gibt zumindest nicht weiter Gas. Man lässt gerade noch so rollen.

 

Was heißt das für die Gedanken, für die Ideen, für den Tatendrang…

In meinem Fall oft einfach  nur: STOPP!

Setz‘ dich hin und warte, spüre Deine Füße auf dem Boden, spüre wie Dein Atem fließt, fühle Deinen Körper… und sobald ein drängender Gedanke anklopft, der mich wieder aufscheuchen will, sage ich weiterhin STOPP! und sitze noch länger… gucke diesen Gedanken an und sage zu ihm, bevor Du nicht ruhig wirst, dich entspannst und nicht mehr danach drängst, gedacht zu werden, werde ich mich hier nicht aus dieser STOPP-Haltung weg bewegen.

Und ich sage Euch, das ist soooo spannend:

Dann versteckt sich dieser Gedanke. Ist ganz „artig“ und still und ich denke „Oh, schön, es ist ruhig, dann kann ich jetzt ja wieder weitermachen.“ – und in dem Moment kommt der Tatendrang um die Ecke geschossen, wie ein Hund, der hört, dass es Fressen gibt!

HA! Dann guck ich die Flitzpiepe an (Sorry, aber genau hier passt dieses Berliner Wort wunderbar!) und sag „Ach, da bist Du ja. Dann bleib ich wohl noch was sitzen und achte auf meinen Atem, meine Füße…“ Und der Gedanke / der Impuls trottet schmollend wieder davon…

Das kann ein paar mal passieren. Und immer wieder heißt es STOPP! und keine Bewegung, weder körperlich noch geistig… nur warten und spüren…

Und irgendwann… irgendwann schaue ich mich in mir um und erblicke Frieden… und wenn ich dann wieder aufstehe, mich bewege, behutsam und achtsam, dann kommen leise und tiefe „Instruktionen“ meines Geistes, was jetzt das Nächste ist, was wirklich erforderlich zu tun ist. Ganz ohne „Ich muss da jetzt sofort ans Licht!“

Es ist einfach still und entfaltet sich auf ganz natürliche Weise…

 

Das funktioniert zumindest super, wenn ich nicht zwischen verschiedenen Terminen hänge, wenn da wirklich zeitlicher Raum ist.

Ich kann bisher so handeln, wenn ich die Termine nur mit mir ausgemacht habe. Sind es Termine mit anderen, wird es oft schwer… ich fühle mich genötigt die Erwartung zu erfüllen, statt zu tun, was mein System gerade verlangt.

Doch ich bin mir sicher, dass ich auch dafür, nach und nach eine Lösung finden werde.

Sei es, in dem ich im Vorfeld mit den Menschen über den Umgang mit meinem Leben rede, sei es, dass ich das Verschieben von Terminen besser und leichter organisiert bekomme und klarer kommunizieren kann oder sei es eine Lösung, die mir derzeit noch nicht vorliegt…

 

Was übrigens auch gut im Stau geht, mal zum Nachbar-Auto bzw. dem Mitwartenden zu gucken, Kontakt aufzunehmen, zu lächeln oder auf eine andere Art zu kommunizieren… zu erleben, dass gerade alle in der gleichen Situation „stecken“.

Wenn also meine Gedanken und Handlungen aufgrund der Fülle feststecken, vielleicht sollen sie sich in diesem Moment auch einfach einmal gegenseitig betrachten und untereinander in Kontakt kommen, bevor sie den Flaschenhals durchqueren und in die wunderschöne Freiheit hinaus fließen…

 

Wer weiß schon, wozu so ein Stau auch gut sein kann… 🙂

Aufgestaute Grüße

Susanne